Indien im Wandel der Zeit

Für Millionen Inder ist das Handy bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, wie auch das Satellitenfernsehen, eine eigene E-Mail-Adresse oder die Jeans für junge Inderinnen. Dennoch findet man es noch – das alte, das unverfälschte Indien. Das Indien der Tiger-, Elefanten- und Leopardenpirsch, wo man mit der Kamera in der Hand in vergitterten Jeeps auf waghalsigen Pisten seine kindliche Abenteuerlust befriedigen kann. Das Indien der mittelalterlichen Forts und prunkvollen Maharadschapaläste, der Hindutempel und Mogulmoscheen, der einzigartigen historischen Architektur und der Felsheiligtümer.

Indien steht für die Worte „Spiritualität“ und „Armut“. Der letztere Begriff haftet an Indien wie auch das Etikett „Hungersnöte“, doch die sind für Indien seit über 40 Jahren kein Problem mehr. Dank der verbesserten Bewässerungssysteme, der Grünen Revolution und der vermehrten Transportmöglichkeiten in Notfällen funktioniert die Versorgung besser als je zuvor.

Die westlichen Medien tragen durch Ihre Art der Berichterstattung dazu bei, Indien als ein Land der Katastrophen, Gesundheits- und Unfallrisiken darzustellen.Katastrophen, z.B. bei Eisenbahnun-glücken, in Bergwerken, bei Erdbeben oder in Chemiefabiken, machen einen überproportionalen Teil der Indienberichterstattung aus. Doch Katastrophen ereignen sich leider auch in anderen Ländern. Indien ist immerhin neunmal so groß wie die Bundesrepublik! Die indische Kriminalität ist dagegen viel niedriger als in den meisten europäischen Urlaubsländern.

Die Inflation der indischen Währung ist seit einigen Jahren gestoppt und die Inflationsrate der Rupie sogar auf 1,6 Prozent ge-senkt. Der kaufkräftiger Mittelstand macht inzwischen ca. ein Drittel der indischen Bevölkerung aus. Das bedeutet auch, daß es sich Inder heute wie nie zuvor leisten können, das eigene Land zu bereisen. Rund 100 Millionen inländische Touristen werden derzeit jährlich gezählt, so daß auch mehr in Hotels, in die Verkehrsindustrie und in vielerlei touristische Einrichtungen investiert wird. Im Vergleich dazu reisen „nur“ knapp zweieinhalb Millionen ausländische Touristen in Indien ein. Aber auch hier ist eine Entwicklung zu sehen. Innerhalb eines Jahrzehnts ist diese Zahl um rund 50 Prozent gestiegen. Übrigens machen die deutschen Indienbesucher den größten Anteil der Europäer aus. Aber auch Inhalt des Reiseziels hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Neben Sightseeing in Delhi, Agra und Jaipur sowie Relaxen an den langen Palmenstränden von Goa spielen heute auch andere Interessensgebiete eine große Rolle: Trek-kingtouren im Himalaja, Rundfahrten im historischen Luxuszug, Hausbootferien auf den Backwaters, Ayurvedakuren in Kerala. Zunehmend von Interesse sind Yoga- und Meditationskurse in Ashrams.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Indien begann am 21. Juni 1991. Damals stand der indische Staat vor dem Konkurs. Aber die neugewählte Regierung stoppte die Finanzkrise, die durch gesellschaftliche Strukturen bedingt war. Ausländische Investitionen waren durch prohibitive Gesetze und undurchdringliche Bürokratie ferngehalten worden. Dies sollte nun ein Ende finden. Die neuen Zauberworte heißen seither „Markwirtschaft“ und „Privates Unternehmertum“. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, daß Indien rund dreimal so viele Einwohner hat wie in der gesamten Europäischen Union zusammen, dann ahnen Sie vielleicht, was für eine gewaltige Aufgabe vor der indischen Regierung stand. Erschwert wurde diese Umstrukturierung vor allem auch durch die unzähligen Religionen, Glaubensgemeinschaften, unterschiedlichen Stämmen und Volksgruppen mit unterschiedlichen Entwicklungs- und Bildungsgraden. Wegen der rückständigen Grundschulen auf dem Lande gibt es mehrere Millionen Analphabeten, in einigen Bundesländern sind es sogar über 50 Prozent der Bevölkerung.

In Indien gibt es 17 offizielle Sprachen, 541 Dialekte, 3200 Kilometer von Nord nach Süd Ausdehnung, fast 3000 Kilometer von Ost nach West; sieben große Religionen und unzählige Sekten, aber eine aufs Säkulare verpflichtete Regierung, mehr als eine Milliarde Einwohner, 283 Einwohner pro qkm (in Ballungsgebieten oft weit über 2000 pro qkm) Wer kennt nicht die Bilder aus der Berichterstattung im Fernsehen über Indien: Menschentrauben, die an völlig überfüllten Bussen oder Zügen hängen; religiöse Zeremonien am Ganges, wo tausende Inder am Ufer sich drängen... Dennoch ist es immer ein farbenprächtiger Menschenstrom. Der einzelne Mensch zeigt sich immer freundlich, gefühlvoll und im höchsten Maße neugierig. Man wird immer wieder angesprochen: „Coming from?“ Ebenso bekannt ist die Gastfreundschaft und der Nationalstolz der Inder. Die meisten Inder sind zutiefst gläubig. Ca. 80 Prozent der Inder praktizieren den Hinduismus. Brahma ist ihr Schöpfergott, der im Auftrag Shivas und Vishnus die Welt schuf. Brahma wird mit 4 Köpfen dargestellt, meist begleitet durch einen Schwan. Seine Frau ist Sarasvati, Göttin der Kunst und der Wissenschaft, der ein Pfau folgt. Erhalter der Welt ist Vishnu, dargestellt mit vier Armen. Der Göttervogel Garuda ist immer an seiner Seite. Shiva ist als Zerstörer der Welt und zugleich als Lebensspender bekannt. Er reitet auf dem Bullen Nandi.

Jeder Hindu glaubt an sein Karma, die Sum-me aller Handlungen, die er im Leben vollbringt und die ihm im nächsten Leben vergolten werden. Der Tod löst zwar den Körper auf, aber nicht die Seele, die nach der Samsara (Seelenwanderung) in einen neuen Körper wiedergeboren wird. Je nach Vor-leben wird sie dann in einer höheren Kaste auf- oder in einer niederen absteigen. Das letzendliche Ziel der Hindus ist jedoch, sich aus dem Rad der Wiedergeburten zu befreien, in die Moksha (Erlösung) einzugehen.

Das Kastensystem ist zwar in der indischen Verfassung abgeschafft worden, aber immer noch spielt es in gesellschaftlichen und familiären Beziehungen eine große Rolle.

Geschichte:

  • Vor 400.000 bis 10.000 Jahren: Besiedlung von nomadischen Jägern und Sammlern
  • Um 4.000 v. Chr. erste Siedlungen im Industal: eine Muttergöttin wurde verehrt
  • Um 2800 v. Chr. Harappa-Kultur im Industal: Seehandel, künstl. Bewässerung, Schrift
  • Um 1.400 v. Chr. Arische Nomaden wandern aus afghanischen und persischen Gebieten zu; Hinduismus und Kastensystem entstehen
  • 563 – 477 v. Chr. Buddhismus und Jainismus werden gegründet
  • 327 – 325 v. Chr. Alexander der Große marschiert bis zum Indus, bricht persiche Vormacht
  • Um 320 v. Chr. Erstes nordindisches Kaiserreich entsteht (Maurya-Dynastie)
  • 1. Jh. n. Chr. Apostel Thomas in Indien
  • 4. – 8. Jh. Aufstieg und Herrschaft der Gupta-Dynastie. Neue Blüte der indischen Kultur
  • 1192 – 1193 Sieg des Islam: Der afghanische Sultan Mohammed Ghori nimmt Delhi ein
  • 1206 Gründung des Sultanats von Delhi (genannt Sklavendynastie)
  • 1398 Der Mongole Tamerlan (Timur Lenk) erobert Delhi und Nordindien
  • 1498 Vasco da Gama erreicht auf dem Seeweg Indien. Beginn des Handels mit Europa und der Missionierung in Indien
  • 1526 Gründung des Reichs der Großmoguln durch Babur
  • 1555 – 1605 Kaiser Akbar der Große dehnt Mogulreich von Afghanistan nach Burma und vom Himalaja bis zur Südspitze aus
  • 1612 erste britische Niederlassung in Surat (Gujarat)
  • 1627 – 1658 Großmogul Shah Jahan dehnt Reich weiter aus, läßt das Taj Mahal bauen
  • 1658 – 1707 British East India Company gründet Handelsniederlassungen in Madras, Bombay und Calcutta
  • 1757 – 1774 mehrere Siege der Briten gegen die Moguln
  • 1829 Briten verbieten Witwenverbrennung
  • 1857 – 1858 Aufstand gegen Briten. Niederschlagung mit Hilfe loyaler indischer Fürsten. Den Indern werden formell dieselben Rechte zugebilligt wie britischen Staatsbürgern
  • 1877 Queen Victoria wird Kaiserin von Indien
  • 1911 George V. wird Kaiser von Indien, neue Hauptstadt Delhi
  • 1920 Mahatma Ghandhi ruft zum gewaltlosen Widerstand auf
  • 1930 Gewaltloser „Salzmarsch“ gegen das britische Salzmonopol
  • 1947 Unabhängigkeit von Großbritanien, aber Teilung in Indien und Pakistan
  • 1948 Ermordung Ghandhis durch einen Hindu-Extremisten
  • 1962 China greift Indien an
  • 1965 – 1966 Indisch-pakistanischer Grenzkrieg um Kaschmir
  • 1971 Ostpakistan erklärt sich von Indien unabhängig, wird als Bangladesh anerkannt
  • 1984 Indira Gandhi wird von einem Sikh ermordet
  • 1991 Wendepunkt der staatlich dirigierten Wirtschaft: Liberalisierung zur Marktwirtschaft
  • 1995 Kashmir-Rebellen (von Pakistan geschürt) entführen ausländische Touristen, wollen auf immer noch lodernden Kaschmirkonflikt zwischen Indien und Pakistan aufmerksam machen
  • 1997 Asche Gandhis wird nach 49 Jahren endlich in den Ganges gestreut
  • 1999 Neuer Krieg um Kaschmir droht wegen pakistanischer Aggression, kann jedoch vermieden werden